| Zu diesem Titel:
Raumzeit, Chorochronos, lautet der Titel der neuen CD, die sich ausschließlich
mit den Werken aus der Feder des jungen griechischen Komponisten Minas
Borboudakis beschäftigt. Für mich bedeutet sie gleichsam eine
Premiere bezüglich meines Kontaktes mit den Kompositionen von Borboudakis.
Als ich das erste Mal Chorochronos II gehört hatte, entstand in mir
und für mich eine neue Dimension des Hörerlebnisses. Seine Musik
wirkte auf mich wie eine musikalische Beschreibung des Kosmos. Silbrige
Crotales-Klänge, die das Flackern der Sterne suggerieren, monumentale
Klangexplosionen ähnlich einer Sonneneruption verkörpern die
Größe der Planeten Jupiter und Saturn. Fast atemlos konnte
ich in seinen Klängen sehen, hören und reisen. (Peter Sadlo
über Minas Borboudakis) |
Rezensionen:
... Resultat sind bezaubernde Klänge, die eine
enorme Vielfalt an klangfarblichen Schattierungen bieten. 'Evlogitaria' für
Schlagzeug solo, ein Erinnerungsstück an Iannis Xenakis, bietet einen
faszinierenden Blick auf das, was man mit Metall-, Holz- und
Fellinstrumenten alles anstellen kann. Anfangs aus dem klanglichen
Gegensatz von Instrumenten mit bestimmter und unbestimmter Tonhöhe
entstehend, wird die Musik immer komplexer, polyphone Rhythmen bestimmen
den Fortgang, der Klangkosmos schwingt sich in zwei Steigerungswellen zum
Schlusshöhepunkt auf. Diese Klangelemente erforscht Sadlo in gekonnter,
aber neugieriger, ausdrucksvoller Manier. Bei den anderen Stücken dieser
Aufnahme ist der Schlagzeugpart in einen Ensemblesatz integriert, was zu
immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten und -formen führt. In dem Werk 'Σ-Cassiopeia',
im deutschen Volksmund auch 'Himmels-W genannt, wird das (metallische)
Schlagzeug mit einem Streichorchesterklang konfrontiert. In diesem Stück
wird ein Grundakkord aufgefächert und mit den vielfältigsten Klangfarben
zum Schwingen gebracht. Das Kammerorchester Schloss Werneck spielt diesen
Part gekonnt und auf minimalste Klangnuancen bedacht. Mal als Begleiter
des Schlagzeugs, mal im Vordergrund der musikalischen Aktionen, bietet der
Orchesterpart eine breite Palette an Klangmöglichkeiten und
Spieltechniken. Dass dieser Mitschnitt der Uraufführung dann noch so rein
und differenziert klingt, ist ein Meisterstück der Toningenieure. Die
beiden titelgebenden Stücke, 'Chorochronos l' und ' Chorochronos II'
gehen auf Theorien des Astrophysikers Stephan Hawkins zurück. Borboudakis'
' Chorochronos l' ist durchweg geprägt von berückenden (Sphären-)Klängen,
die sich häufig aus Ostinati und an Minimal Music erinnernden Patterns
aufbauen. Äußert differenziert im Zusammenklang der beiden Pianisten und
Schlagzeuger, eröffnen sich hier gänzlich neue Klangwelten, die jedoch
– meiner Meinung nach – recht leicht fasslich sind. Das komplexeste Stück
dieser Aufnahme ist wohl ' Chorochronos II' für Pauke solo, Klavier, drei
Perkussionisten und sieben Blechbläser. Die Blechbläser sind im
Halbkreis im Raum aufgestellt, in deren Mitte sich Pauke, Klavier und
Perkussion-Ensemble befinden. So tritt zu der Vielfalt der rhythmischen
und klangfarblichen Möglichkeiten noch die Dimension des Raumes hinzu.
Borboudakis erforscht hier die klanglichen Potentiale der Pauke,
Clusterbildungen, Aleatorik und freie Tonalität bilden die weiteren
Komponenten dieser erstaunlich vielschichtigen Komposition. All dies wird
hier mit einer geradezu traumwandlerischen Sicherheit für klangfarbliche
Schattierungen, instrumentale Effekte und differenziertem Ausdruck
interpretiert. Die verschiedenen Instrumentalkombinationen erreichen ein
ungeheueres Ausmaß an Klangvielfalt und rhythmischen Finessen. Klanglich
wird dies auf vorbildliche Weise wiedergegeben. Die Schwierigkeit, eine
solche Breite an Klangfarben authentisch auf einen Tonträger zu bringen,
wurde hier meisterlich gelöst. Die Aufnahme klingt niemals hallig, man
hat eher den Eindruck, ganz nah am Geschehen zu sein. Auch in puncto
Balance des Ensembleklangs ist diese Aufnahme über jede Kritik erhaben.
Wer sich also von zeitgenössischer Musik nicht abschrecken lässt (das
sollte man nie!) und neugierig ist, welche Klangwelten moderne Musik für
Schlagwerk eröffnen kann, dem bietet diese CD die beste Möglichkeit.
Dass man von Borboudakis noch mehr hören wird, steht jedenfalls fest.
(Tobias Pfleger in Klassik.com 3.12.2003)
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